Die Angst vor dem Fühlen

In unserer westlichen Gesellschaft hat sich spätestens seit der Aufklärung eine starke Angst vor dem Fühlen breitgemacht. Wir alle kennen diesen vielzitierten Zwiespalt zwischen Verstand und Gefühl. Doch ich spreche von einer grundlegenderen Angst des heutigen Menschen vor dem reinen Fühlen. Leider hat diese Angst auch im psychotherapeutischen Kontext immer noch Macht über einige Therapeuten und deren Patienten.

Ein Gefühl besteht immer aus 2 Komponenten: einer körperlichen Empfindung und einem dazugehörigen Gedanken, bzw. einem Gedankenmuster, das bewusst oder unbewusst sein kann. Wir alle schleppen einen großen Anteil unbewusster Gefühle und Gedankenmuster aus unserer Vergangenheit mit uns herum. Empfindungen, die als übermächtig erlebt und deshalb verdrängt wurden, bleiben im Gedächtnis des Körpers hängen und bilden dort ein Empfindungsmuster, das auf spätere Erfahrungen übertragen wird. Dies führt zu immer wieder ähnlichen Erfahrungen und Gefühlsmustern im Leben. Es formt unser „Lebensgefühl“, es formt das Bild, das wir von uns selbst und der Welt haben und bildet damit unsere „Identität“.

Die körperliche Seite des Gefühls ist die Empfindung. Wenn sehr viele unbewusst gehaltene Empfindungen im Körper festgehalten werden, kann der Körper krank werden. Unsere Ausdruckskraft ist eingeschränkt, wir fühlen uns erschöpft und leer, weil das Unbewusst-Halten unserer Empfindungen Kraft kostet!

Es ist die Aufgabe unseres Verstandes, unsere körperlichen Empfindungen zu deuten, sie in einen Kontext zu stellen und zu erklären, so dass sie als kontrollierbar erlebt werden. Solange wir mit dem Verstand identifiziert sind, teilen wir daher aber auch seine Angst vor der unkontrollierbaren Überflutung durch Empfindungen und Gefühle. Solange wir nicht bewusst erfahren haben, dass wir selbst beständiger sind als unsere Gefühle, werden wir diese Angst teilen und unbewusst an deren Kontrolle bzw. Unterdrückung interessiert sein. Die Psychotherapie hat schon vor langer Zeit erkannt, dass die Unterdrückung von Gefühlen nicht zu deren Beseitigung führt. Im Gegenteil: Alles, was ins Unbewusste verdrängt wurde, kann dort ungehindert Wurzeln schlagen und bei jeder Gelegenheit wieder an die Oberfläche schwappen.

Ein anderer Aspekt ist folgender:
Beim Bemühen, das Empfinden erklärbar und kontrollierbar zu machen, koppelt der Verstand dieses Gefühl an eine Geschichte. Im Laufe einer Psychotherapie werden die alten Gefühle und mit ihnen die Geschichte, mit der die Gefühle assoziiert sind, vorsichtig wieder ans Licht geholt und in einen erklärbaren Kontext gestellt, so dass das Erlebte verarbeitet werden kann. Es hat nun ein Etikett bekommen. Das Gefühl macht weniger Angst, weil der Verstand es erkannt und erklärt hat. Was im Folgenden jedoch manchmal geschieht, ist, dass der Mensch sich mit diesem Etikett identifiziert. Wirklich frei ist er nicht.

Solange wir nicht erkannt haben, wer wir wirklich sind, wird diese Angst, von Gefühlen überschwemmt zu werden, bestehen bleiben. Nur ein freier Mensch hat keinen Bedarf mehr, die Gefühle, die in ihm auftauchen, zu erklären, zu kontrollieren, zu verdrängen oder sich mit ihnen zu identifizieren. Er hat die Angst vor dem Fühlen überwunden, weil er erkannt hat, dass er selbst beständiger ist als jedes Gefühl. Doch wie gelangen wir dahin?

Wenn wir dem Gefühl seine gedankliche Komponente entziehen, bleibt nur die rein körperliche Empfindung zurück. Vielleicht äussert sich diese in Schmerzen im Bauch, einem heissen Kopf, angespannten Muskeln oder Ähnlichem. Was hat dieses körperliche Empfinden verursacht? Wenn Du beispielsweise wütend bist: versuch zu beobachten, was in Dir geschieht: Mit Sicherheit wirst Du eine körperliche Empfindung und einen dazugehörigen Gedanken ausmachen können. Doch was war zuerst da? Und worunter leidest Du stärker?

Was würde z.B. passieren, wenn Du Deiner Wut oder Deiner Angst die gedankliche Nahrung entziehst?

Mit anderen Worten: hast Du jemals probiert, Deine Wut (oder auch jedes andere Gefühl) „pur“ zu erleben? Ohne gedanklichen Bezug? Probier es mal aus! Erlaube Dir, Deine Wut ganz zu fühlen, aber schneide Dich von jeglichen Erklärungs- und Kontrollversuchen Deiner Gedanken, schneide Deine Wut von der Geschichte, die Du mit ihr verbindest, ab! Bleib bei dem körperlichen Empfinden. Was passiert? Du hälst dieses Experiment für lächerlich, da Du ja eben wütend bist, weil….? Beobachte Dich! Welchem Teil gibst Du mehr Macht: dem Empfinden oder Deinen Gedanken? Mit welchem Teil bist Du stärker identifiziert? Was lässt Dich stärker leiden?

Wenn Du Dich auf dieses Experiment tatsächlich einlässt, kann es sein, dass Du im ersten Moment Angst verspürst: das ist die Angst, von dem Gefühl überschwemmt zu werden, von der ich oben sprach. Mache den Versuch und erlaube der Angst genauso, ohne gedanklichen Bezug da zu sein wie der Wut. Fühle und bleib dabei präsent! Diese Angst ist die Angst vor dem Leben. Fühle, und Du wirst feststellen, dass kein Gefühl so stark sein kann, dass Du selbst davon vernichtet wirst. Es wird vorübergehen, und Du wirst immer noch da sein.

Wenn Du jetzt kehrt machst und Dich wieder in Deine Geschichte flüchtest, wirst Du diese Erfahrung, dass Du selbst beständiger bist als das Gefühl, nicht machen. Dein Verstand wird weiter an seine Aufgabe glauben, dass er Dich vor der gefahrvollen Übermacht der Gefühle schützen muss. Er wird Dich weiterhin von der Möglichkeit abhalten, authentisch zu fühlen, authentisch zu sein. Und er wird Dich weiter glauben lassen, dass Du von starken Gefühlen vernichtet werden kannst. Er wird Dir Deine Geschichte wieder und wieder erzählen. Er wird Dich die Oberfläche Deiner Gefühle wieder und wieder erleben lassen, aber er wird Dir niemals erlauben, wirklich zu fühlen. Denn ein Gefühl, das wirklich gefühlt wurde, vergeht wieder. Es hat seinen Zweck erfüllt und kann losgelassen werden. In den freigewordenen Raum kann ein anderes Gefühl eintreten. Ein Gefühl jedoch, das an eine Geschichte gebunden ist, das Deine scheinbare Identität ausmacht, darf nicht vergehen, und es darf auch nie ganz gefühlt werden. Das ist der Zwiespalt, in dem wir hängen!

Es geht nicht um das Ausagieren der Gefühle, und auch nicht um das Analysieren der Gefühle, sondern um das reine Fühlen. Reines Fühlen schenkt uns jedoch keine Identität, das geschieht erst, wenn wir das Gefühl an eine Geschichte hängen, mit der wir uns identifizieren. Insofern ist es immer ein Gefühl von gestern, ein Gefühl aus zweiter Hand. Diese Art der Gefühle ist nicht die Art Gefühl, vor der der Verstand wirklich Angst hat. Ich spreche deshalb statt von Gefühlen lieber vom „Fühlen“. Denn Fühlen geschieht immer jetzt, ohne Bezug zu Vergangenheit oder Zukunft. Ohne gedankliche Etikettierung.

Wer natürlich (und davon sind wir alle mehr oder weniger betroffen) einen Haufen unbewusster, d.h. ungelebter Gefühle aus der Vergangenheit mit sich herumschleppt, wird unbewusst diese alten Gefühle bei jeder Gelegenheit wieder aktivieren und unbewusst von ihnen zu einer Reaktion motiviert werden. Anders ausgedrückt: Er hat keinen Raum für authentisches Fühlen, da der Raum besetzt ist von alten Gefühlsresten.

Es kann eine grosse Hilfe sein, diese alten Gefühlsreste aufzuräumen, indem man sie endlich fühlt. Es braucht allerdings einen gewissen Mut, diese alten Gefühle einzuladen, im Nachhinein endlich bewusst gefühlt zu werden. Aber diese Art von Aufräumen kann sehr heilsam sein, weil es Raum schafft für authentisches Sein, für das Erleben im Jetzt. Wenn wir diesen Mut nicht aufbringen, bleiben wir entweder in der Verdrängung, also im Unbewussten hängen, oder wir halten uns an der Krücke fest, die unser Verstand uns anbietet: Identifizierung mit der Geschichte, die mit dem alten Gefühl in Verbindung steht.

Diese nachträgliche Identifizierung kann auch dann „gewählt“ werden, wenn das Beleben der alten Gefühle, so schmerzhaft sie auch sein mögen, sehr stark als eine allgemeine Belebung erfahren wird. D.h. das Erlebnis, endlich zu fühlen, fühlen zu dürfen! kann dazu führen, dass man dieses Gefühl nicht mehr loslassen möchte, weil sich der erfahrene alte Schmerz so viel lebendiger anfühlt als ein mechanisches Leben mit unterdrückten Gefühlen. Auch in diesem Fall wird jedoch das vollständige Fühlen vermieden. Man spart sich quasi einen Rest auf, um immer weiter davon kosten zu können. So kommt es zu einer Identifizierung mit dem Leid, die ebenso aus Angst vor dem wahren Leben aufrecht erhalten wird.

Wer an dem Erleben, was es auch immer sei, festhält, ist nicht mehr authentisch, da er sich mit Vergangenem identifiziert. Dieses Festhalten kann, wie wir gesehen haben, unterschiedliche Gründe haben: Verdrängung einerseits oder Identifizierung (unbewusstes „haben wollen“) andererseits.

Wahres Fühlen schliesst also das Loslassen mit ein.

Wir sind es gewohnt, alles in Gegensätze einzuteilen: Verstand gegenüber Gefühl. Dabei wird leicht übersehen, dass das, was wir meistens mit „Gefühl“ meinen, eigentlich nicht mehr das reine Fühlen ist, sondern schon ein vom Verstand infiltriertes Gemisch aus Fühlen, Bewertung und Identifizierung. Wahres Fühlen liegt jenseits des Verstandes und gehört nicht auf die andere Waagschale derselben Soße!

Wenn wir wahres Fühlen wieder zulassen können, werden wir uns vielleicht gewahr, dass wir nicht dieses Fühlen sind. Und darin liegt unsere Freiheit. Dann darf jede Empfindung kommen und auch wieder gehen.

Sylvianne Capell, Auszug aus: „Yin Flow – Sehnsucht nach dem Weiblichen“