Emphathie – Oder: „Ich verliere mich in Beziehungen“

viele Frauen leiden unter dem Problem, dass sie mehr auf die Gefühle der anderen
achten, als auf die eigenen. In manchen Fällen werden die eigenen Gefühle gar nicht
mehr wahrgenommen. Zu sehr haben sie gelernt, sich in andere einzufühlen, jede
kleinste Regung zu deuten, zu verstehen und zu entschuldigen! Besonders
missbrauchte Kinder lernen schnell, eigene Gefühle der Scham, der Wut und Ohnmacht
zu unterdrücken und sich mit den Gefühlen des „Aggressors“ zu identifizieren. Es muss
dabei kein körperlicher Missbrauch vorliegen. Vernachlässigung und Missachtung der
kindlichen Beürfnisse reichen aus, um im Kind die Bedeutung der eigenen Gefühle
hinter die Gefühle der Umgebung zu stellen. Denn die Beziehung zu Bezugspersonen ist
lebenswichtig für das Kind! Der Verlust von Liebe bedeutet für das Kind ein Verlust von
Sicherheit und Schutz und ist damit eine direkte Bedrohung für das eigene Leben!
Verlassenheitserlebnisse in der Kindheit, oder auch Liebesentzug sowie Missbrauch des
kindlichen Vertrauens können daher im Erwachsenenalter zu anhaltenden
Verlassenheitsängsten führen – und eben auch zu dem Problem der, wie ich es nenne
„semipermeablen Membran“, durch die alles von Aussen hineinströmt und sich nur
wenig von innen nach aussen ausdrücken kann. So entsteht ein emotionaler Druck, der
oft auch körperlich als Enge oder als Schmerzen unterschiedlicher Art erfahren wird.
Manchmal entlädt er sich in plötzlichen emotionalen Ausbrüchen, gefolgt von Scham
und dem Gefühl der Wertlosigkeit. All dies ist leider eine gute Vorraussetzung für weitere
Missbrauchserfahrungen, so dass dieses Muster immer weiter lebt, sich selbst bestätigt
und nie eine andere Erfahrung gemacht werden kann. Die betreffende reagiert mit dem
Bedürfnis, sich selbst schützen zu wollen vor erneutem Missbrauch und Aggressionen
von aussen. Dies führt jedoch dazu, dass sie sich selbst in immer engere Fesseln
einengt. Ihr innerer Raum wird immer kleiner, Ihr Selbstausdruck immer
eingeschränkter.

Oft fühlen sich diese Frauen selbst nicht mehr, leiden unter Selbstwertproblemen und
nehmen seismographisch jede Stimmung in ihrer Umgebung wahr, ohne sich dagegen
wehren zu können.

Der Täter wird lange entschuldigt, weil sie seinen Schutz, seine Liebe nicht verlieren
will. Aber dabei verliert sie etwas sehr Wertvolles und zwar nachhaltig: Ihren eigenen
Standpunkt! Damit meine ich den Punkt, auf dem ich sicher stehe und mich selbst und
meine Gefühle wahrnehme. Das Opfer identifiziert sich mit dem Täter. Das wird zum
Muster für Ihr Leben: Liebe bedeutet bald für sie, das Leben der anderen zu leben.
Dieses Muster öffnet die Tür für alles, was von Aussen kommt. Sie verliert das Gefühl
für sich selbst und hält sich mehr im Aussen auf, bei den Anderen, was diese fühlen
und meinen. Für diese Gabe, sich in die anderen einzufühlen, bezahlt sie jedoch einen
hohen Preis, was sie meist nicht merkt. Das eigene Selbstwertgefühl wird aber oft durch
diese Gabe aufgewertet. In dem Sinne: Ich bin die Gute, weil ich so emphathisch bin!
Doch der Preisst bitter.

Liebe/Beziehung wird für sie nun gleichbedeutend mit der Identifizierung mit dem
anderen! Sie verliert sich gleichsam im anderen. Und öffnet wieder einmal die Tore für
ein Ungleichgewicht, für das sie nur selbst die Verantwortung übernehmen kann.
Was sich aber anfühlt wie:
„Ich bin schutzlos, alles strömt von aussen in mich ein, ich kann mich nicht abgrenzen“
Ist wirklich ein:
„Ich bin nicht bei mir, sondern identifiziere mich mit dem anderen. Ich habe im
wahrsten Sinne des Wortes meinen Standpunkt verlassen und fühle mich selbst nicht
mehr“.

Die bittere Wahrheit, die zu ihrer Befreiung führt, ist die Erkenntnis, dass nicht primär
ihr „Gut Sein“ zu diesem Muster geführt hat, sondern die Bereitschaft, ihr eigenes
Zentrum in den anderen zu verlegen. Ihr Glück und ihre Sicherheit in ihm zu suchen
statt in sich selbst. Doch nur, wenn sie bereit ist, die Verantwortung für sich selbst
wieder zu übernehmen, die Opferrolle abzulegen und Erfüllung in sich selbst zu suchen,
sich selbst wirklich zu fühlen, kann sie sich aus diesem Teufelskreis befreien. Es mag in
der Anfangsphase der Befreiung wichtig sein, zu lernen, sich nach Aussen abzugrenzen,
um sich gegen die einströmenden Energien und Erwartungen der Anderen
abzuschirmen und zu sich selbst zu kommen. Doch das, was sie wirklich lernen muss,
ist die Entfaltung des eigenen Lebens von Innen nach Aussen! Die Membran muss
durchlässig werden für das Eigene, das sich zeigen will, das gelebt werden will, und
zwar auf die Gefahr hin, damit von den Anderen nicht akzeptiert zu werden! Wenn das
ständige Vergleichen aufhört, kann sie lernen zu akzeptieren, dass sie nicht anders ist
als die Anderen, dass sie Fehler macht, dass sie Schattenseiten hat, aber auch, dass
das Leben sich in ihr in einzigartiger Weise zeigt. Nicht mehr oder weniger wunderbar
als in anderen Menschen. So erobert sie sich ihren eigenen Raum zurück und lernt
wirkliche Empathie kennen: das Verständnis dafür, dass wir alle menschlich sind, unsere
Stärken und Schwächen haben. In dem Maße, in dem sie lernt, dass sie als Erwachsene
weder von der Meinung der anderen abhängig ist noch von deren Schutz, wird sie mehr
und mehr zu sich selbst finden und dem Leben vertrauen. Erst dann kann wahre
Weiblichkeit in ihr erblühen und sie kann ihr Leben selbstbestimmt und
selbstverantwortlich leben.